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Dieter Rothardt

Welche Leitperspektive stellt sich heute für die kirchliche Männerarbeit?“

Thesen zur „Standortbestimmung Männerarbeit“
am 2. Juli 2015 in Hannover


 

Die Vielfalt von Männlichkeit ist der Normalfall

Wenn alle auf der gleichen Fahrbahn mit der gleichen Geschwindigkeit unterwegs sind, haben alle den gleichen Blickwinkel. Aber davon kann man – auch bei der Frage nach der Leitperspektive kirchlicher Männerarbeit – nicht ausgehen. Männer sind unterschiedlich unterwegs. Sie sind in unterschiedlichen Lebensphasen, in unterschiedlichen Lebensbezügen, vor unterschiedlichen beruflichen und privaten Herausforderungen. Männer sind sehr unterschiedlich. Nicht mehr alle waren als Baby blau. Nicht alle mögen blutige Steaks. Nicht alle stehen auf Frauen. Nicht alle hassen gestaltete Mitten. Nicht alle fühlen sich im Baumarkt zuhause.

Männer sind vielfältig. Ich empfinde es als ein Glück und eine Befreiung, dass diese Vielfalt heute zu Tage kommt und wir sie sehen und leben können.

Jeder Mensch ist mit seinen Eigenheiten Gottes geliebtes Kind. Mit der Taufe gehört diese Sichtweise zu den Standards in unserer Kirche. Aus der Perspektive Gottes gibt es also eine Fülle von Individualität. Aus der Perspektive der Menschen bedeutet dieses eine unfassbare Komplexität menschlichen Lebens. Dass es Frauen und Männer gibt, kommt erst danach. Die Unterscheidung von weiblich und männlich reduziert die Komplexität, macht die soziale Welt überschaubarer. Die Zuschreibung von männlichen und weiblichen Eigenschaften soll das Verhalten vorhersehbar machen, so dass man sich darauf einstellen kann, handlungsfähiger wird.

Man mag gesellschaftspolitisch die Individualisierung beklagen – theologisch betrachtet ist sie immer schon da. Wie die Menschen damit umgehen, das verändert sich allerdings. Klare Rollen und von Geburt festgelegte Zugehörigkeiten verlieren an Geltung. Mir geht es jedenfalls so: Immer wenn ich glaubte klar zu haben, was ein richtiger Mann ist, verflog diese Sicherheit bei näherem hinsehen wieder. Weil bei näherem Hinsehen die Individualität wieder zum Vorschein kam. „Richtige Männer“ sieht man nur mit einem gewissen Abstand. Wo direkte Begegnungen stattfinden, da kommen die Klischees ins schwimmen.

Aber ohne Klischees sind wir in der Komplexität der Männlichkeiten und Menschlichkeiten rettungslos verloren. Ohne uns auf klischeehafte Zuschreibungen von Männlichem zu stützen, können wir Männer gar nicht sehen. Das wäre schade für die Männerarbeit. - Aber es wäre auch äußerst Hinderlich für die Gestaltung von sozialen Bezügen insgesamt.

Also sollten wir uns wohl um die Rechtfertigung der Klischees bemühen. Und ich meine dieses nachdrücklich in einem rechtfertigungstheologischen Sinn. In der unerlösten Welt (also der unparadiesischen unzulänglichen Welt in der wir heute leben) können wir nicht jeden Menschen so individuell sehen, wie allein Gott dieses kann. Wir brauchen die Klischees von männlich und weiblich um sinnhaftes zu tun und mit anderen Menschen zusammenwirken zu können, und um uns zueinander gesellen zu können.

Aber wir sollten diese Klischees nicht für die letzte Wirklichkeit nehmen. Sie sind Hilfskonstruktionen, um soziales Leben zu ermöglichen. Sprache, Sitte, Kunst, Liebe – alles stützt sich auf diese Hilfskonstruktionen und bringt sie gleichzeitig in die Schwebe. Denn aus der Nähe ist das Gegenüber wieder ganz anders. Wer schon einmal geliebt hat, wird mich verstehen.

Als Leitperspektive ergibt sich der Rat Luthers für die gerechtfertigten Sünder: sündigt munter drauflos. Ein „richtiger“ Mann werden zu wollen, schafft kein Heil. Aber die eigene Männlichkeit zu gestalten und zu leben, schafft Möglichkeiten zur Kommunikation, auch zur Kommunikation des Evangeliums. So gerechtfertigte Männlichkeit bleibt dem Gegenüber nichts schuldig. Sie sucht nicht sich selbst, sondern das, was gut für das gemeinsame Leben ist.


 

Männer zusammengesellen

Wie sich gerechtfertigte Männlichkeit leben lässt, das können Männer nur miteinander herausfinden. Wenn Männer im kirchlichen Rahmen zusammenkommen, als Gemeindegruppe, für ein Wochenende, als Pilgergruppe oder was auch immer – es braucht eine Zeit bis sich ein Gemeinschaftsgefühl einstellt. Das ist gruppendynamisch nicht überraschend – bedeutet aber für unseren Zusammenhang, dass es eine Weile braucht, bis sich eine gemeinsame Idee vom Mannsein abzeichnet, in die man einstimmen, von der man sich abgrenzen kann – die es aber schlussendlich ermöglicht, als Männergruppe zu agieren.

Diese Idee vom Mannsein erfindet heute jede Männergruppe neu. Das zur Verfügung stehende Material an Klischees trägt in der Regel nicht mehr so weit, dass sich eine gemeinsame Idee vom Mannsein intuitiv unmittelbar sich einstellt. Und wo neue Männer in eine Gruppe kommen, passiert diese Prozess immer wieder neu. Die Männergruppen, wo einer vorne steht und alle wissen, wo es lang geht, gibt es nicht mehr. Kaum einer ist bereit, sich in eine vorhandene Gruppenkultur einfach nur einzufügen. Männer wollen mitgestalten. Dazu gehört, dass sie ihre Ideen vom Mannsein einbringen und berücksichtigt wissen wollen.

Bei so viel Individualität brauchen die gemeinsamen Ideen vom Mannsein Kristallisationspunkte. Etwas, woran gemeinsame Ideen vom Mannsein sichtbar werden und woran sich diese gemeinsamen Ideen weiterentwickeln können. Die Aufgabe, die sich vor diesem Hintergrund ergibt lautet: Gelegenheiten und Symbole schaffen, um die Männer sich zusammengesellen. Diese Grundaufgabe gilt nicht nur für Männergruppen. Sie gilt für Kirche und für Menschen, die Zugehörigkeit zur Kirche gestalten wollen, insgesamt. (Jan Hermelink, ein in Göttingen lehrender praktischer Theologe, geht sogar so weit, die evangelische Kirche der Gegenwart als eine Organisation zur öffentlichen Inszenierung des Glaubens zu beschreiben.) Den Begriff des Geselligen sollten wir nicht den Sozialtheoretikern überlassen, die ihn auf die Beschreibung eines Milieus mit Volksmusik reduziert haben. Das »Gesellige« gehört zum Beispiel für Friedrich Schleiermacher (der von 1768 bis 1834 gelebt hat und den man als Begründer der Praktischen Theologie bezeichnen kann) zu den Grunddimensionen der (christlichen) Religion. Dabei geht es um mehr als um Bier und Würstchen. Wenn ich „Männer zusammengesellen“ als Leitperspektive für die Männerarbeit beschreibe, geht es darum, Formen zu finden und zu prägen, die nicht exklusiv sondern für für andere anschlussfähig sind und und die Männern den Zugang zu einer spirituellen Dimension ermöglichen.


 

Stil entwickeln

Diese spirituelle Dimension hat eine „erbauliche“ und eine „ethische“ Seite. Erbaulich – ein etwas aus der Mode gekommenes und betulich frömmelnd klingendes Wort. Gemeint ist schlicht, dass die Zusagen des Evangeliums individuell und in gelebter Gemeinschaft zur Geltung kommen. Von Gott wichtig genommen zu werden, durch seine Zuwendung Leben und Lebendigkeit spüren zu können, das muss gefeiert werden. Otto Baumgarten (ein anderer praktischer Theologe, der 1858 bis 1934 lebte) unterscheidet in seinen Vorlesungen über den Aufbau der Volkskirche aus dem Jahr 1919 zwischen Missions- und Feierkirche. Gemeint ist, dass bei all den Bemühungen, Kirche „richtig“ zu organisieren und bei allen strategischen Überlegungen, andere zu gewinnen, die Feier dessen, dass Gott uns wichtig nimmt und Leben schenkt, nicht vergessen werden darf. Das muss gesagt und gemeinsam erlebt werden. „Vergesst das Atmen nicht!“ - rief ein Trainer, als ich mich zusammen mit anderen beim Rehasport komplizierten Aufgaben widmete. Vergesst das Feiern nicht möchte man denen zurufen, die angestrengt nach den richtigen Wegen suchen, Kirche zu organisieren. – Sucht gemeinsam mit anderen Männern nach Formen, in denen die befreiende Botschaft des Evangeliums hörbar und Gemeinschaft mit Gott sinnlich erlebbar wird.

Und dann, erst dann, geht es um die Verantwortung von Männern heute. Männer gehen heute ihren eigenen Weg zwischen Glück und Trauer, Versuchung und Rettung, Macht und Ohnmacht. Es ist ein Weg, der die Nachfolge Jesu als ethische Herausforderung begreift. Zur Nachfolge Jesu gehören Demut, Fürsorge und der Einsatz für Andere in freier Entscheidung aus Liebe und Verantwortung. Damit verbunden ist gleichzeitig die Aussicht, dass auf diesem Weg männliches Selbstbewusstsein, männliches Selbstwertgefühl und männliche Würde neu entstehen. In dieser Perspektive ist es möglich, sich mit offenen und unausgesprochenen gesellschaftlichen Bildern von Männlichkeit und Erwartungen an Männer kritisch auseinanderzusetzen. Dabei bewegen wir uns in unterschiedlichen Milieus und Lebenswelten. Wir nehmen auf die dort vorhandenen Leitbilder von Männlichkeit Bezug und laden Männer dazu ein, sich kritisch mit solchen Leitbildern auseinanderzusetzen und eine christlich orientierte selbstbewusste Männlichkeit zu entwerfen und zu leben.