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Predigt Marktgottesdienst 2019
Predigttext Jes 58,7–12

Der Friede Gottes sei mit euch allen!

Der Predigttext für heute steht beim Propheten Jesaja. Kapitel 58 die Verse 7-12: „Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Löcher zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«.

Klare Sache. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!“ Merkt euch das! Macht das! Wie heißt das so schön: Ich habe fertig! Amen! 

Aber ich habe ja noch etwas Zeit, um den Text noch einmal genauer anzusehen. Außerdem steht heute im liturgischen Kalender Erntedank es ist Marktgottesdienst! Noch zwei Gründe, um sich intensiver mit den Worten aus dem Buch Jesaja auseinanderzusetzen.

Herbstmarkt in Levern. In der Zeitung stand zu lesen: heute zum 290. mal. Vielleicht gibt es schon länger einen Herbstmarkt in Levern: Die Ernte war drin. Man konnte ungefähr einschätzen, wie man über den Winter kommen würde. Man weiß, was man sich leisten kann. Und etwas feiern geht immer. Vor 300 Jahren war es für die meisten Menschen hier an der Grenze zwischen Preußen und Hannover wohl eher weniger, was sie sich leisten konnten. Um 1746, so wird berichtet, bekamen die Pastoren in Preußen den Auftrag, in ihren Predigten auf die Vorzüge des Kartoffelanbaus hinzuweisen. Weil (Zitat) „dadurch die armen Bauern und Untertanen in den Stand gesetzt werden, manchen Scheffel Korn mehr zu verkaufen, welchen sie sonst zum Brote anwenden müssen, mithin ihnen die Unterhaltung ihrer Familien, und Abführung ihrer Pachtlabgaben leichter fallen wird ...“ Kartoffeln sollten sie essen, die preußischen Untertanen, damit sie Korn verkaufen konnten, um die Pacht an den Grundherrn bezahlen zu können. „Knollenprediger“ nannte man die Kollegen. Da staunt man schon, wozu so ein preußischer Talar alles herhalten musste.

Der Hintergrund aber war bitter. Es herrschte Hunger im Land. Nur allmählich erholten sich die Städte und Dörfer von den folgen des dreißigjährigen Krieges. In den Dörfern hatten lange nicht alle einen eigenen Acker zu bestellen. 2/3 aller Dorfhaushalte gehörten zur „unterbäuerlichen“ Schicht: Tagelöhner und kleine Handwerker. Aber auch die Bauern konnten nicht sicher wirtschaften. Oft kam es vor, dass der Grundherr einen Hof zur eigenen Bewirtschaftung einkassierte. Dieses „Bauernlegen“ - das Herausdrängen der Bauern aus ihrem Nutzungsrecht musste ausdrücklich verboten werden. 1807 wurde die Erbuntertänigkeit in Preußen aufgehoben. Die Bauern mussten sich allerdings von bisherigen Abgaben und Frondiensten durch eine Zahlung an die Gutsherrn und die königlichen Domainen-Ämter freikaufen. Und da haben die lange dran abbezahlt.

Aber warum erzähle ich das Ganze? Weil unser Predigttext genau in eine solche Situation hinein spricht. Es geht um tiefe soziale Verwerfungen, die immer mehr Menschen in Abhängigkeit und Armut treiben. Im Buch Nehemia ist eine Hungerrevolte beschrieben aus der Zeit aus der unser Predigttext stammt:  „Die einen sprachen: Unsere Söhne und Töchter sind viele, wir müssen Getreide kaufen, damit wir essen und leben können. Die andern sprachen: Unsere Äcker, Weinberge und Häuser müssen wir verpfänden, damit wir Getreide kaufen können in der Hungerzeit. Wieder andere sprachen: Wir haben auf unsere Äcker und Weinberge Geld aufnehmen müssen für die Steuern des Königs. Nun sind wir doch von gleichem Fleisch und Blut wie unsere Brüder, und unsere Kinder sind wie ihre Kinder; und siehe, wir müssen unsere Söhne und Töchter als Sklaven dienen lassen ... und unsere Äcker und Weinberge gehören andern.“

So war die Lage. Und in diese Lage hinein spricht der Prophet: „Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.“ Hier geht es um mehr, als die Verantwortung der Reichen gegenüber den Armen. Hier geht es um eine der ganz großen Hoffnungen, die sich vom antiken Judäa bis zu uns ausspannt: Gerechtigkeit gegenüber den Armen ist die Voraussetzung für das Wohl aller. Wo die Schwächeren nicht immer weiter an den Rand gedrängt werden, sondern ihnen die Teilhabe am sozialen Leben ermöglicht wird, da entwickelt sich die ganze Gesellschaft zum Vorteil. Wer dahingehend Verantwortung übernimmt und auf das Zusammenleben einwirkt, der wird sein wie ein bewässerter Garten.

Die Vorstellungen von sozial gestaltetem Wirtschaftsleben haben hier ihre Wurzeln. Es ist für alle besser, wenn die Armen nicht ausgebeutet werden bis aufs Blut und man die, die wirtschaftlich nichts beitragen können, nicht einfach ihrem Schicksal überlässt (abschiebt). Die Hoffnung, dass soziale Gerechtigkeit das soziale, wirtschaftliche und kulturelle Zusammenleben insgesamt zur Blüte bringt, diese Hoffnung ist wesentlicher Teil der jüdisch-christliche Tradition. 

1997 haben die Evangelische und katholische Kirche in Deutschland einen gemeinsamen Text veröffentlicht: „Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“ Darin heißt es: Soziale Gerechtigkeit erschöpft sich nicht in der persönlichen Fürsorge für Benachteiligte, sondern zielt auf den Abbau der strukturellen Ursachen für den Mangel an Teilhabe und Teilnahme an gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozessen.“ Als dieser Text entstand war ich Mitarbeiter des Beauftragten er EKD für Fragen der Arbeitslosigkeit. Wir waren viel in den damals noch sehr neuen Bundesländern unterwegs. Wir haben mit vielen Menschen gesprochen, die damals von den Strukturbrüchen hart getroffen waren. Und wir haben Kirchen und Gemeinden beraten, wie sie mit dieser neuen Situation umgehen könnten. Da waren zum Beispiel Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Medizintechnik Leipzig, die ihre Produkte in die ganze Welt verkauft hatten. Die wurden von einem westdeutschen Unternehmen gekauft. Die Patente und die Kundenkartei wurden mitgenommen und die Firma „abgewickelt“. Für die Mitarbeitenden waren das Monate der Unsicherheit – und der bitteren Enttäuschung. (Wie sich so etwas anfühlt, kann man heute vielleicht von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Firma Keeper in Oppenwehe erfahren.) Der Schock saß tief. Und auch wenn es einen Aufschwung Ost tatsächlich gegeben hat, fühlen sich immer noch viele Menschen in den den neuen Bundesländern abgehängt. Tief sitzt die Verbitterung aus solchen Erfahrungen – bis heute.

Für die Vorbereitung dieser Predigt habe ich mir meine alten Texte von damals noch einmal angesehen, als ich in Gemeinden und auf Synoden in Sachen „Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit“ unterwegs war. Im Rückblick hatte das schon etwas von „Knollenprediger“.
Diese alten Vorträge wirken auf der einen Seite hoch aktuell. Auf der anderen Seite wirkten sie auf mich wie aus der Zeitgefallen. Aktuell und gleichzeitig unzeitgemäß.

Ich denke immer noch darüber nach, wie das kommt. Und wenn ich meinen eigenen inneren Widersprüchen nachspüre, ist da glaube ich eine Spur zu finden: Ich weiß, dass wir soziale Gerechtigkeit noch noch in einem globalen Maßstab denken können. Unter welchen Bedingungen wurde das T-Shirt, dass ich an habe, in Bangladesh zusammengenäht. Wie wurden die „seltenen Erden“ zu Tage gefördert, die die Elektronik möglich machen, die ich benutze? Wie wurde der Kaffee produziert, den ich trinke? Es gibt sehr, sehr viel Ungerechtigkeit auf dieser Welt, die Hunger und Not hervorbringt.

Auf der anderen Seite freue ich mich, dass es mir gut geht. Habe Angst um meinen Komfort und bescheidenen Wohlstand – und spüre den Impuls, da einen Zaun drum zu machen, dass da ja keiner dran geht. Und diesen Impuls sehe ich bei vielen Menschen und auch in der großen Politik: Wir sind das Volk! Das war mal ein Freiheitsruf und jetzt sollen damit Menschen aussortiert und von der Teilhabe an der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Wer gehört zu „uns“ und wer nicht? Wer darf rein nach Europa und wen überlassen wir seinem Schicksal auf dem Meer?

Den Impuls, das eigene kleine Paradies zu verteidigen, den kenne ich wohl. Und er hat in einem gewissen Rahmen auch seine Berechtigung. Aber wenn die Verteidigung des eigenen kleinen Paradieses das Denken dominiert, dann wirkt der Ruf nach sozialer Gerechtigkeit fade und unzeitgemäß.

Da hält unser Predigttext dagegen. Je mehr das antike Israel zwischen den Großmächten der damaligen Zeit zerrieben wurde, um so globaler wurden die Hoffnungen. Die Trennlinie, wer zum Volk Gottes gehört, wird immer weniger nach (ethnischer) Herkunft sondern nach ethischen Gesichtspunkten gezogen. Allein durch Jesus Christus haben wir Anteil an den Verheißungen, die Gott seinem Volk Israel durch die Propheten gegeben hat. Die Hoffnung auf das neue Jerusalem wird global. Das Buch Jesaja schließt mit einer Vision: Gott spricht: Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen. ...und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, …. Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. ...denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten Gottes.“

Diese Hoffnung läßt sich nicht privatisieren. Sie gilt es wach zu halten. Gerechtigkeit gegenüber den Armen ist die Voraussetzung für das Wohl aller. Wo den Schwächeren die Teilhabe ermöglicht wird, da entwickelt sich die ganze Weltgesellschaft zum Vorteil. Diese Hoffnung hat unsere Geschichte geprägt. Und das Wirken von Menschen, die von dieser Hoffnung auf Gottes neue Erde geleitet waren, hat unseren bescheidenen Wohlstand möglich gemacht. Diese Hoffnung hat es möglich gemacht, dass wir heute fröhlich Leverner Markt feiern können!

Ach und wie spät ist es jetzt? Ist doch etwas länger geworden. Bitte trotz aller Ausschweifungen nicht vergessen, was ich am Anfang gesagt habe: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!“ Merkt euch das! Macht das!  Amen!