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Keine Sorge!

Lasst euch nicht von Sorgen bestimmen, bringt vielmehr in jeder Lage eure Anliegen in Gebet und Bitte vor Gott! Philipper 4,6

Sorgen gehören zu unserem Alltag. Wir wissen nicht sicher, was in Zukunft passieren wird – und das macht uns Sorgen. Sich sorgen ist der Kern vieler Planungsprozesse. Leben in der Zeit bedeutet sich zu sorgen.  Die elterliche Sorge ist ein Rechtsbegriff im Familienrecht und ein hohes Gut. Die Fürsorge für Menschen, die sich nicht selbst helfen können, ein zentrales Element unserer sozialen Ordnung. Sich kümmern um andere –neudeutsch Care – ist zu einem wichtigen gesellschaftspolitischen Thema geworden. Die gesellschaftliche Wertschätzung von Care-Arbeit ist ein zentrales Thema für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Die Orientierungshilfe der EKD „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit – Familie als verlässliche Gemeinschaft gestalten“ hat heftige Debatten über das Familienbild ausgelöst. Übersehen wurde dabei häufig, dass eines ihrer zentralen Anliegen die Aufwertung der Sorge füreinander ist. In einer zusammenfassenden These am Anfang heißt es: „Familien sind sinnstiftender Lebensraum und Orte verlässlicher Sorge. In Familien werden unverzichtbare Leistungen für Gesellschaft und Wirtschaft erbracht und sozialer Zusammenhalt gestiftet. Sie stehen nach wie vor an erster Stelle, wenn Menschen in Notlagen geraten. Andererseits werden Familien auch vor neue gesellschaftliche Erwartungen und Anforderungen gestellt und fühlen sich zum Teil erheblich überfordert. Alle Familien sind deshalb darauf angewiesen, dass ihre Leistungen und ihre Bedeutung für die Gesellschaft anerkannt und unterstützt werden.“ 

Bei der Vorbereitung der Hauptvorlage „Familien heute“ war es ein wichtiges Anliegen von Frauenreferat und Männerarbeit der Tendenz, Familien zerfallen zu sehen, etwas entgegenzusetzen. In der Vielfalt der Formen, in denen Familie heute gelebt wird, gibt es viel mehr Sorge umeinander und Verantwortung füreinander, als oft angenommen wird. Die  Sorge füreinander in der Familie, in der Gemeinde, im kommunalen und gesellschaftlichen Rahmen, ist ein Thema, das Frauen und Männer verbindet.

Sind wir denn mit diesem Thema so auf dem Holzweg? Nun mag man feinsinnig unterscheiden zwischen der Sorge füreinander, die ein Gemeinwesen zusammenhält und grüblerischen Zukunftssorgen. Gute Sorge ist das Engagement für eine bessere Zukunft – schlechte Sorgen werden von Bedenkenträgern verbreitet, von denen, die Angst vor Veränderungen haben, von denen, die ihr Leben lang vor halbleeren Gläsern sitzen.
Der Vers aus dem Philipperbrief wäre dann ein aufmunternder Appell gegen depressive Verstimmungen. Ein Appell, der nahelegt, sich gefälligst anzustrengen und so für sich selbst zu sorgen, dass man andere mit seinen Sorgen nicht belästigt. Nur die Stimmung nicht verderben – sorgenvolle Menschen verlieren schnell Freunde. Wo positives Denken erwartet wird, fällt es schwer eigene ernste Sorgen zu äußern. Aber die feinsinnige Unterscheidung zwischen Miesmacherei und ernsten und begründeten Sorgen führt auch nicht weiter. Die ernsten Sorgen des einen hält ein anderer für völlig überzogen. Sorge und Sorgen sind eben auch etwas sehr individuelles, eng verbunden mit der eigenen Persönlichkeit und ihrer Lebensenergie. Sorgen lassen sich nicht wegdiskutieren – nur durch Hoffnung überwinden.

In diese Richtung weist jedenfalls der Zusammenhang des Verses (Philipper 4, 4 – 7):  „Die ihr in der Gemeinschaft Christi seid, freut euch allezeit, und wiederum sage ich: Freut euch! Eure Güte lasst allen Menschen bekannt werden. Nah ist der, dem ihr euer Leben anvertraut habt. Lasst euch nicht von Sorgen bestimmen, bringt vielmehr in jeder Lage eure Anliegen in Gebet und Bitte vor Gott, immer begleitet von Danksagung. Und Gottes Friede, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und eure Gedanken in der Gemeinschaft mit Jesus Christus.“ Der Tag, an dem Christus wiederkommt, ist nahe! – Das ist die Begründung. Ein Grund zur Freude, der dem Gebet viel zutraut. Christus kommt bald wieder – das war die Überzeugung des Paulus und der frühen Christenheit. Das relativiert die Sorge. Mit der Wiederkunft Christi ändert sich komplett der Lauf der Zeit. Die Zukunft ist da und damit entfällt der Grund der Sorge, die ja immer eine Sorge um die Zukunft ist.
Eine sehr radikale Vorstellung, die uns fremd geworden ist. „Die Jünger warteten auf das Reich Gottes, und was kam war die Kirche.“ – so der gängige Kalauer über das Ausbleiben der Wiederkunft Christi. Ein Kalauer, der aber doch eine Wahrheit über das Wesen der Kirche enthält. Sie trägt die Vorstellung, dass Christus jeden Augenblick wiederkommen kann, durch die Zeit. Das macht sie auch als Organisation zu etwas Besonderem. Prozesse der Traditionsweitergabe und der Erneuerung laufen parallel. Das macht  Zukunftsplanungen nicht nur von Frauen- und Männerarbeit im kirchlichen Rahmen anspruchsvoll: sich Realitäten stellen, sich auf Wesentliches besinnen und verantwortungsvoll für die Zukunft planen und gleichzeitig damit rechnen, dass Gott unsere Pläne großartig durchkreuzt.

Wenn wir dieses „Keine Sorge!“ heute hören, geht es aus meiner Sicht um die Verknüpfung eines dieser Welt zugewandten Realismus mit einer inneren Unabhängigkeit, die aus der Erwartung des Kommens Christi resultiert. Das ist ein anspruchsvolles Programm. Realitäten geben sich gerne alternativlos. Und wird die Lage unübersichtlich und werden die Gerechtigkeitsideale anstrengend, dann werden alte Rollenklischees wieder reaktiviert: Männer hinaus ins feindliche Leben und Care – Arbeit bleibt Frauensache. Die ängstliche Bequemlichkeit, die nicht wirklich Neues wagt in den Rollenverteilungen von Frauen und Männern, in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, in der Wertschätzung der Sorge füreinander – diese ängstliche Bequemlichkeit rechnet nicht damit, dass das Reich Gottes Wirklichkeit wird. So betrachtet ist das aus der Christuserwartung resultierende „Sorget euch nicht!“ eben keine Abwertung der Sorge füreinander. „Einer trage des anderen Last“ - lautet die Losung für das kommende Jahr. Die Sorge füreinander und die Hoffnung auf eine gute Zukunft, in der Gottes Gegenwart spürbar ist, gehören zusammen. Genau, wie wir es im Vaterunser zu bitten gewohnt sind: „Dein Reich komme.“ und „Unser tägliches Brot gib uns heute.“