Skip to main content

Jesus und die Ehebrecherin – Bericht von einem Bibliodrama für Männer

„... er schrieb mit dem Finger auf die Erde - und die Männer ließen die Steine liegen …“

Jesus und die Ehebrecherin – so wird traditionell der Abschnitt aus dem Johannesevangelium überschrieben, den wir für das jährliche Männerbibliodrama ausgesucht hatten. Nachdem im vergangenen Jahr das Thema Familie in der evangelischen Kirche engagiert diskutiert wurde, versprach dieser Text enige Brisanz.

In der Erzählung aus dem Johannesevangelium Kapitel 7,53 - 8,11wird Jesus genötigt, zu Fragen von Ehe und Familie Stellung zu nehmen. Und dieses nicht abstrakt in einem Lehrgespräch, sondern konkret im Fall einer Frau, die des Ehebruchs beschuldigt wird. Für die Frau geht es dabei um Leben oder Tod.

Allerdings folgt die Dynamik eines Bibliodramas selten erwachsenenpädagogischer Planung. Schon als wir uns in der Gruppe von 8 Männern am ersten Abend der Erzählung annäherten, wollte die Ehemoral nicht so recht in den Focus. Im Johannesvevangelium wird erzählt, dass es am Tag zuvor im Volk Streit um Jesus gegeben hatte. Und es mehrten sich Stimmen, die ihn festnehmen lassen wollten. Am Abend gingen die Streitenden Gruppen nach hause – und Jesus ging auf den Ölberg. Er stand im Mittelpunkt eines Konflikts und er suchte Ruhe und einen Ort des Rückzugs. Die Männer, die aus der Hektik unterschiedlicher Lebens- und Arbeitsbezüge am Abend angereist waren, verstanden das sofort. Raus aus den Konflikten mit schwierigen Vorgesetzten, ambitionierten Kolleginnen, unverständigen Vorständen …

Und am nächsten Morgen ging es mitten hinein in den Konflikt, der sich um Jesus drehte. Sein auftreten hatte die Mächtigen aus der Reserve gelockt. Seien Art Liebe zu predigen brachte die Ordnung durcheinander. Sie suchten einen Vorwand, mit dem sie ihn gerichtsfest festnageln konnten. Und sie fanden eine Frau, die zur falschen Zeit im falschen Bett gelegen hatte. Vielleicht wäre sie kaum aufgefallen, wären da nicht die Männer auf  Vorwand-Suche gewesen. An dem Ehebrecher haben sie offensichtlich kein Interesse. Sie zerren die Frau in die Öffentlichkeit in die Mitte einer Arena. „Mose aber hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?“ - so eröffnen sie das Spiel, in dem es um Leben und Tod geht – für die Frau und auch für Jesus. „Aber Jesus bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.“ - wird erzählt. „Als sie nun fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.“

Es war schwierig, diese Geste nachzuempfinden. Überlegene Gelassenheit? Moralische Zweifel? Selbstberuhigung? Zeitgewinn im Machtspiel? Eskalationsvermeidung? - Das was die Männer beim Spiel dieser Szene auf die Flipcharts am Boden gekritzelt hatten, ließ sich kaum entschlüsseln. Und die, die in dieser Szene sich auf die Rolle der Frau eingelassen hatten, berichteten übereinstimmend: „Das war der Platz , um sich so richtig Scheiße zu fühlen!“ Statistin in einem Machtspiel. An Reue oder Entschuldigungen hat keiner Interesse. Die Moralwächter wollen Blut sehen und wenn es noch nicht das Blut Jesu war, dann doch wenigstens das der Frau. Ohnmacht pur. Mit einem Satz löst Jesus die agressive Spannung. „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“

Die Steine bleiben liegen. Die Arena löst sich auf. Die Menschen gehen nach Hause. Jesus und die Frau bleiben zurück. Ein karger Dialog war da noch zu bewältigen. „Alle weg?“ „Alle weg.“ „Hat keiner Dich verurteilt?“ „Keiner.“ „Ich auch nicht.“ - Der im Bibeltext vorgesehene Satz: „Gehe hin und sündige in Zukunft nicht mehr.“ - kam keinem von uns über die Lippen. Zu tief saß die in dieser Szene zwischen Jesus und der Frau geteilte Ohnmachtserfahrung. Wie sollte das Leben dieser Frau jetzt weitergehen, nachdem sie so gedemütigt und bloßgestellt worden war? Und wie ging das Leben Jesu weiter?

Im Mittelpunkt dieses Bibliodramas stand keine Debatte über Ehemoral. Offenbar wurde im Drama des Spiels Moral als Machtinstrument. Offenbar wurde, wie Männer durch Beschämung Macht erhalten wollen. Erfahrbar wurde die Bitterkeit von Ohnmacht. Sichtbar wurde, dass Jesus dieses tödliche Spiel mit der Moral auflösen konnte. „Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ - Die Steine, die in unserer Arbeit mit der Szene liegen geblieben sind, haben wir am Ende unter uns verteilt. Mein Stein von diesem Bibliodramawochenende erinnert mich an die, die in meinen Durchsetzungsstrategien zu Figuren auf einem Spielbrett wurden. Aus der Perspektive der liegen gebliebenen Steine war es dann doch ein Bibliodrama über Ehemoral. In Ehe und Familie geht um auf Dauer und Verlässlichkeit angelegte Gemeinschaft. „Familie konstituiert sich dadurch, dass Menschen verlässlich füreinander einstehen und Verantwortung übernehmen.“ - heißt es in einem Diskussionspapier der Evangelischen Kirche von Westfalen. Diese Verlässlichkeit braucht einen robusten moralischen Rahmen. Wo aber für Erhalt dieses Rahmens Steine geworfen werden sollen, hat er bereits seine Schutzfunktion verloren.