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Rosenstraße

Gottesdienst zum Buß- und Bettag am 19. November 2008
anlässlich der Ausstellung „Rosenstraße 76“ zum Thema häusliche Gewalt
Jesaja 1, 10 – 17: 


Höret des HERRN Wort, ihr Herren von Sodom! Nimm zu Ohren die Weisung unsresGottes, du Volk von Gomorra! Was soll mir die Menge eurer Opfer?, spricht derHERR. Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern undhabe kein Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und Böcke. Wenn ihr kommt, zuerscheinen vor mir - wer fordert denn von euch, dass ihr meinen Vorhof zertretet?Bringt nicht mehr dar so vergebliche Speisopfer! Das Räucherwerk ist mir ein Gräuel!Neumonde und Sabbate, wenn ihr zusammenkommt, Frevel und Festversammlungmag ich nicht! Meine Seele ist Feind euren Neumonden und Jahresfesten; sie sindmir eine Last, ich bin's müde, sie zu tragen. Und wenn ihr auch eure Händeausbreitet, verberge ich doch meine Augen vor euch; und wenn ihr auch viel betet,höre ich euch doch nicht; denn eure Hände sind voll Blut. Wascht euch, reinigt euch,tut eure bösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen! Lernt Gutes tun,trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt derWitwen Sache!


Ich suche Distanz zu diesem Text. Er ist für meine Ohren schwer erträglich. SeineBilder sind kaum auszuhalten. Jesaja spricht im Namen Gottes zu Menschen, die inden Trümmern ihres bisherigen Lebens sitzen. Ihre Stadt ist vernichtet. Schutt undAsche. „Wohin soll man euch noch schlagen?“ – heißt es einige Verse vorher. Undes scheint klar: Diese Situation ist das Ergebnis ihrer eigenen Respektlosigkeit undUnmoral. Gott hat gestraft. Gott hat vernichtet. Er hatte die Macht dazu. Er hatte allenGrund dazu. Die Adressaten der prophetischen Rede sind das Opfer einesStrafgerichts: „Ich Menschen von Sodom, du Volk von Gomorra!“
Diese dunkle Seite Gottes macht mir schon Mühe. Gott ein Täter mit der Moral aufseiner Seite. „Ihr Menschen von Sodom, du Volk von Gomorra!“ – Ein moralischgerechtfertigtes Kaputtdonnern des Bösen steht mir vor Augen.


Es hilft ein wenig, sich daran zu erinnern, dass die Adressaten der Rede des Jesajanicht die Bewohner der genannten Städte aus Abrahams Zeiten waren. Jesajaspricht zur Oberschicht im antiken Israel. Er spricht zu den Gebildeten, zu denen erselbst gehörte. Und es ist nicht klar, ob er hier eine bereits geschehene politischeKatastrophe vor Augen hat oder ob er hier „nur“ drastisch überzeichnet. Wäre es so,läge hier ein rhetorischer Kunstgriff des Propheten vor. Seine Botschaft würde dannlauten: „Hört zu! Wir sind schon das Opfer eines solchen Strafgerichts wie über Sodom, auch wenn ihr es noch nicht merkt. Eigentlich sitzen wir schon auf der Ascheunserer Städte, auf den Trümmern unserer Zivilisation. Unsere zerstörte Beziehungzu Gott lässt sich nicht reparieren. Durch kein Ritual, durch keinen Kult, durch keineandere vergleichbare Anstrengung: „Euer Räucherwerk ist mir ein Greuel!“ Die Lageist ein Desaster. Es gibt keinen Ausweg.


Einige Ausleger trauen auch der Kraft ethischer Anstrengung an dieser Stelle nichtszu. Der letzte Vers könnte dieses ja nahe legen: „Wascht euch, reinigt euch, tut eurebösen Taten aus meinen Augen, lasst ab vom Bösen! Lernt Gutes tun, trachtet nachRecht, helft den Unterdrückten, schafft den Weisen Recht, führet der Witwen Sache!“– Wir sind es gewohnt, so zu denken. Gerne halten wir den ethischen Appell für denKönigsweg aus dem Desaster. Gerne sind wir bereit zu glauben, der Ruf, Gutes zutun, würde die Welt tatsächlich schon verbessern. Folgt man aber der Sichtweiseeiniger Ausleger, dann war es nicht das Ziel des Propheten, zu Buße zu rufen.Vielmehr ging es ihm darum, ein mit großer Wahrscheinlichkeit eintretendespolitisches Unheil zu erklären. „Dieser Interpretation zur Folge sind selbst scheinbarunkomplizierte ethische Mahnungen … nicht recht das, was sie zu sein scheinen.“Sie sind eigentlich Aussagen darüber, was die Menschen hätten tun müssen, um dasUnheil abzuwenden. Dieses hatten sie aber schon verweigert, als der Prophetsprach. Jesaja ging es also darum, eine aus seiner Sicht unabwendbar bedrohlicheZukunft zu verstehen und zu erklären. Aus unserer vor allem ethisch interessiertenPerspektive wirkt dieses wie ein aufwendig ausgeschmückter Fatalismus.Ich hatte Distanz zu diesem Text gesucht – Jetzt habe ich sie. Er beginnt zuschweigen. Er schweigt jetzt – und wird damit in eigentümlicher Weise seinemThema gerecht. Denn das Thema dieses Textes ist Gewalt. Die Gewalt, die offenbarwird, wenn eine Gesellschaft aus den Fugen geht. Die Gewalt, die durch Korruptionund Selbstsucht entsteht. Die Gewalt hinter der glitzernden Fassade von Festen undFeiern. Die Gewalt, die daran sichtbar wird, wie es den Schwächsten in derGesellschaft ergeht. Witwen und Waisen als Synonym für die, die wirtschaftlich imAbseits stehen und deren Abhängigkeit sie leicht zum Spielball derer macht, die nurein klein wenig mächtiger sind. Und dahinter das Bild eines gewalttätig strafendenGottes.


Dieser Text ist so dicht angefüllt mit Gewalt, dass es gut ist, wenn er einenAugenblick schweigt. Es ist gut, einen Augenblick auf dieses Schweigen zu hören,um darin das Schweigen derer zu hören, die angesichts erlebter Gewalt nurschweigen können. Der Text schweigt, wie die Menschen, die von Gewalttraumatisiert sind. Schweigend steht er für ein emotionales schwarzes Loch. Er stehtfür die Funkstille der Gefühle, wie ich sie immer wieder erlebe, wenn in der SeelsorgeTraumatisierungserfahrungen an die Oberfläche kommen. Da, wo Gewalt war, ist einemotionaler Aschehaufen. Nicht nur Sprachlosigkeit. Alle emotionale Energie scheintan diesem Punkt verloren. Eine Leere, die sich durch Beredsamkeit nicht auffüllenlässt. Nicht nur die Betroffenen, auch andere können das spüren.
Eine solche Art von Sprachlosigkeit steckt auch im Anfang des Jesajabuchs. Und umdem nachzugehen, will ich diesen Text noch einmal aus der Perspektive derer, dieGewalt leiden oder gelitten haben, lesen. Ich will versuchen noch einmal neu indieses Schweigen hinein zu hören. Drei Motive zeichnen sich für mich ab. Dazu dreikurze Skizzen.Das erste Motiv: Gewalt im Namen von Anstand und Moral. Wenn Anstand Gewalt legitimiert. Dieser Zusammenhang tritt häufig zu Tage. Da wird politische Aggressionals Kampf gegen das Böse legitimiert. Da werden Sündenböcke gesucht, um sicheiner unbequemen Realität nicht stellen zu müssen. Da wird Gewalt gegen Kinder alsErziehung ausgegeben. Da werden Frauen geschlagen, damit sie „anständig“werden. Da wird Männern das Leben zur Hölle gemacht, weil sie ja doch nichtstaugen. Welches Motiv auch immer noch eine Rolle spielt – beständig wird derVersuch unternommen, das eigene Verhalten als Ausdruck einer moralischgutwilligen Haltung darzustellen. Alles geschieht aus der Sicht der Täterinnen undTäter im Einklang mit einer Weltordnung, die Gewalt zu ihrer Aufrechterhaltungzulässt bzw. erfordert. Selbst ausgeklügelte Unterdrückungssysteme kommen nichtohne solche Begründungen aus. Symbolisch dafür klingen mir die letzten Worte imOhr, die Erich Mielke als Minister für Staatssicherheit gesagt haben soll: „Ich liebeeuch doch alle…“


Fatal wird es, wenn Täter und Opfer eine gemeinsame Sicht der Welt teilen.Gemeinsame religiöse Vorstellungen, gemeinsame Auffassungen von Stolz und Wertder Familie. Fatal ist es, wenn die Opfer dann glauben, das was ihnen geschieht,geschieht ihnen zu recht. Fatal ist es, wenn sie so in dieser Gedankenwelteingeschlossen sind, dass Widerstandskraft und Lebenswille daran ersticken. Dannbleibt nur das Schweigen.


Sie haben es vielleicht gemerkt: Die dunkle Seite Gottes, mit der ich zu Beginn schonmeine Schwierigkeiten hatte, verdunkelt sich aus dieser Perspektive noch weiter.Das Bild wird schillernd. Gott auf der Seite der Täter? Unversehens ist unser Denkenselbst in diesem Sog, an dessen Ende ohnmächtiges Schweigen steht. Gott hat einedunkle Seite, aber er steht nicht auf der Seite der Täter. Gott hat eine dunkle Seite,und sich ihr zu nähern, ist gefährlich. Das wussten die, die sich mit der HeiligkeitGottes beschäftigt haben. Das wissen die, die seiner Heiligkeit nachspüren.Faszinierend und erschreckend zugleich ist diese Seite Gottes. Gott selbst will hierDistanz und gebietet Abstand. Das etwas altmodische Wort „Gottesfurcht“ beschreibtdiesen respektvollen Abstand. Aber Gott will auf keinen Fall, dass wir daraus„Menschenfurcht“ machen. Er will nicht, dass wir seinen Namen missbrauchen, umeinen Moralismus zu begründen, der andere quält. Ein solcher Moralismus kann sichnicht auf Gott berufen. Nicht auf den Gott der Juden, nicht auf den Gott der Christen,nicht auf seine möglichen Offenbarungen in anderen Religionen.
Das zweite Motiv: Gemeinsam auf dem Scherbenhaufen. Gemeinsam auf der Aschevon Sodom und Gomorra. Dieses Bild hat Jesaja in seiner Anrede vor Augen. „IhrMenschen von Sodom …“ – „Wir sitzen schon auf den Trümmern unsererZivilisation!“ Zu bedenken ist dabei, dass in den genannten Städten nicht nur Täterlebten, sondern auch die Opfer. Und dann bedeutet seine Rede: „Eigentlich sitzenwir schon auf dem gleichen Scherbenhaufen, wie die, die durch unser Tun zu Opferngeworden sind.“

Viele Bilder von Konflikten, die zu blinder Zerstörung eskaliert sind,zeigen dieses. Vor 90 Jahren ging der erste Weltkrieg zu Ende. Mit ihm hatte die„moderne“ Kriegsführung angefangen. Er war der Beginn massenmordenderMaterialschlachten. Aber auch in kleineren sozialen Systemen erzeugeneskalierende Konflikte einen gefährlichen Sog. In der Arbeit mit Tätern und Opfernhäuslicher Gewalt wird dieses häufig sichtbar. Da hat sich ein Familiensystem massivmit Gewalt aufgeladen. Aber es gibt keine klaren Antworten mehr auf die Frage: Werhat angefangen? Wer ist Täter? – Wer ist Opfer? Nur eins ist klar: Von dem Scherbenhaufen, der hier angerichtet wurde, steigt keiner als Sieger herunter. Beigenaurem Hinsehen werden die Grautöne sichtbar. Die Welt ist nicht schwarz-weiß.Jeder muss seinen Weg finden, um vom Scherbenhaufen herab steigen zu können.Auf diesem Weg müssen erlittene Verletzungen identifiziert werden, damit siebehandelt werden und ausheilen können. Das gilt für körperliche Verletzungen, aberauch für seelische, für Verletzungen des Ehrgefühls und erlittene Beschämungen.Der Weg vom Scherbenhaufen herab ist vor allem aber auch ein Weg in diepersönliche Verantwortung. Aus der Erfahrung der Ohnmacht heraus wiederhandlungsfähig werden, wieder Verantwortung für sich selbst übernehmen können.Und vor allem als Täterin oder Täter zu den eigenen Taten stehen. Den eigenen Teilan Verantwortung tragen für das was geschehen ist. Opfer und Täter können dabeiunsere Begleitung erwarten.


Das dritte Motiv: Lernt Gutes tun, trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten,schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache! – Dahinter steckt mehr als derVersuch, eine beschädigte Zivilisation durch Mildtätigkeit reparieren zu wollen. Es istein Perspektivenwechsel der Ethik. Es geht darum, immer wieder danach zu fragen,welche Konsequenzen unsere Entscheidungen für die Schwächeren haben – unddiese Perspektive in unsere Entscheidungsfindungen einzubauen. Aber nicht so,dass am Ende nur Zögern und Abwarten steht. Nach dem alten Motto: „Wer vielarbeitet macht viele Fehler, wer wenig arbeitet macht wenig Fehler und wer keineFehler macht …“ Vielmehr geht es darum, die Sicht auf die Konsequenzen für dieSchwächeren in eine lebendige Gestaltung des Zusammenlebens einzubauen. Esgilt, sich bewusst zu machen, dass auch verantwortliches Tun eine Schattenseite hat.Unsere Entscheidung für Biokraftstoff aus nachwachsenden Rohstoffen führt zuausgedehnterer Plantagenwirtschaft in Übersee zu Lasten der Kleinbauern dort. EineSchulpolitik, die auf Ausgrenzung der Schwächeren setzt, bedarf der Korrektur. Inein Gesundheitssystem, dass zunehmend nur den wirtschaftlich Starken nutzt,müssen neue Formen der Solidarität eingebaut werden. Die Beispiele ließen sichfortsetzen. Zur Fürsorge für Benachteiligte kommt die Solidarität mit denSchwächeren als gesellschaftspolitisches Gestaltungsprinzip unverzichtbar hinzu.Aber bei denen, die verantwortlich ihr Leben gestalten wollen, in der Politik, im Beruf,in ihrer Familie und in ihrem Privatleben kommt aus dieser Perspektive noch etwasweiteres hinzu. Es ist die Sensibilität für die Schatten, die das eigene Tun trotz allerVerantwortung wirft. Es ist die Achtsamkeit auf die Menschen, denen man nungerade nicht gerecht werden kann. Es geht um diesen toten Winkel des eigenenTuns, in dem das Gute für den anderen oder die andere zur Gewalttat werden kann –trotz bester Absicht, trotz aller Rücksichtnahme.Um diesen toten Winkel des eigenen Tuns erreichen zu können, ist es nötig dieeigene Schutzbedürftigkeit zu entdecken und zu akzeptieren – und die Panzer, dieman zum Schutz seiner Seele, seines Körpers, seiner Identität angelegt hat,abzurüsten. Es ist der Mut zur Schutzlosigkeit, der Begegnung mit den Menschen imtoten Winkel des eigenen Tuns möglich macht. Dabei entsteht eine Haltung, die derGewalt nicht mit weiterer Aufrüstung begegnet sondern Begegnung sucht.Dieses gilt für die kleinen Kränkungen und Achtlosigkeiten im Alltag. Dieses gilt aberauch für massive Gewaltverstrickungen anderer Art. Dieses gilt auch für Situationenhäuslicher Gewalt, mit denen wir in Berührung kommen. Konflikte laden sich schnell mit Gewalt auf. Diese Gewalt erzeugt ein Kraftfeld und einen Sog. Dann gilt es, nichtwegzusehen, sondern Opfern und Tätern Hilfe zu bieten.


Die Ausstellung „Rosenstraße 76“ ist eine Herausforderung beim Thema häuslicheGewalt das Hinsehen einzuüben. In diesem Zusammenhang hat der Blick auf daserste Kapitel des Jesajabuches darauf aufmerksam gemacht, dass häusliche Gewaltverbunden ist mit Gewalterscheinungen auf anderen Ebenen des sozialen Lebens.Die Erhöhung der Kontraste, die Einteilung der Welt in Gute und Böse verhärtet dieLage und führt in die Eskalation. Und so geht es am Ende darum, die Perspektiveder Opfer so in unsere Sicht der Dinge einzubauen, dass nicht neues Schwarz-Weiß-Denken entsteht, sondern Opfer und Täterinnen und Täter ihren Weg zurück insLeben finden können.Amen