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Volkstrauertag 2020

Predigt zum vorletzten Sonntag des Kirchenjahres (Volkstrauertag)
am 15. November 2020 in der Stiftskirche Levern über Matthäus 25, 31-46
von Dieter Rothardt, Pfr.i.R.


Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Hier in Levern endete er am 4. April. Junge Soldaten wurden in aussichtslose Kämpfe geschickt, obwohl der Krieg verloren war. Die vorrückenden engli­schen Truppen erwiderten das Feuer. Halb Levern brannte:

Ich zitiere aus einem Bericht eines Zeitzeugen: „Wir waren alle im Kartoffelkeller - Oma, Opa, Mut­ter, meine Schwester und ich. Und natürlich auch die 2 erfahrenen Soldaten. (Die hatten ihre Waf­fen zurückgelassen und im Hause Lampe Unterschlupf gesucht.) „Köpfe runter, keiner ans Keller­fenster" lautete ihr Kommando. Und kein Wort sprechen. Alle auf die Kartoffeln, so tief mit den Köpfen, wie ihr könnt. Meine Oma hatte die Hände über mir und meine Mutter über meiner Schwester. Das Schießen der Panzer war furchtbar. Das Haus bebte völlig…. Es wollte kein Ende nehmen. Nach etwa 4 Stunden wurde es ruhig und wir gingen aus dem Keller, außer den 2 Solda­ten. Als wir in die Küche kamen sahen wir wie die englische lnfanterie in drei Wellen vorstürmte. ...Mein Opa sagte. „ Geht nicht ans Fenster, dass sie euch nicht sehen, die schießen in Richtung Schlüter, das Haus stand lichterloh in Flammen. Wir sahen wie 4 Panzer zurückkamen ...die .hatten das gröbste gemacht. Wir sahen auch dass innerhalb kürzester Zeit 3 englische Soldaten verwundet wurden. Diese wurden dann mit einer Bahre weggetragen.“

Den Kopf tief in die Kartoffeln gedrückt. So erlebte Willi Lampe den 4. April 1945. Er war damals 8 Jahre – in den letzten Wochen ist er 84 geworden.

Den Kopf tief in die Kartoffeln gedrückt. Viel Angst war dabei. Aus guten Gründen. Fanatisierte Deutsche schossen auf Leute, die sich ergeben wollten. Die vorrückenden Engländer schossen auf alles, was sich bewegte. Willi Lampe hat das überlebt. Andere nicht. 22 Menschen kamen ums Le­ben an diesem Tag. Die deutschen Soldaten, die hier auf dem Friedhof liegen, waren gerade mal 18 Jahre alt.

Es ist gut und es ist nötig, sich zu erinnern. Es ist gut, der Opfer hier in Levern zu gedenken. Und es ist gut, dabei innezuhalten und an die vielen weiteren Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zu denken.

Das Gesicht tief in die Kartoffeln gedrückt – bei den Kindern war es wohl die reine Angst. Bei ande­ren, war es der Wunsch, die verlorene Sache so schnell wie möglich aufzugeben. Wie bei den bei­den Soldaten, die ihre Waffen zurückgelassen hatten und sich bei Lampes mit in den Keller flüchte­ten. „Wir wollen nicht noch 5 Minuten vor 12 Uhr ins Gras beißen. Ich habe 5 Jahre gedient und mein Kollege 7 Jahre.“ - hatten sie gesagt. Durch ihre entschlossenen Ansagen haben sie vielleicht den sonst zu neugierigen Kindern das Leben gerettet. Es ist eine spannende Geschichte, die Willi Lampe da zu erzählen hat. Und sie steckt voller kleiner Gesten, die zum Überleben beigetragen ha­ben. Der Opa gewährt den desertierenden Soldaten Unterschlupf. Die Oma gibt ihnen ein Butter­brot. Deren Fronterfahrungen helfen, das richtige zu tun. Am Ende bei der Gefangennahme bieten die beiden deutschen Soldaten dem englischen Offizier eine Zigarette an. - Wahrscheinlich war auch der froh, dass es hier jetzt vorbei war.
Der Krieg war zu Ende und es folgten Deutschlands wilde Jahre. Die Verantwortlichen duckten sich weg. Die freigelassenen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter kämpften auf ihrem Weg nach Hau­se ums Überleben. Flüchtlinge und Evakuierte suchten eine Bleibe. Wilde Jahre, unsichere Jahre. Angstvolle Jahre. Jahre mit Hoffnung und Überlebenswillen. Die Menschen waren entschlossen zum Wiederaufbau der zerstörten Dörfer, der zerstörten Städte, des zerstörten Landes.

Viele hatten nahe Angehörige verloren. Einige kamen spät aus Gefangenschaft zurück. Aber viele Plätze an den Familientischen, in den Vereinen, in den Kirchenbänken blieben leer. Es wurde ge­trauert. Aber es war schwer zu begreifen, dass das Sterben dieser geliebten Menschen sinnlos ge­wesen war. Sie waren für eine falsche Sache gestorben. Viele hatten Gräuel erlebt und hatten Gräuel ausgeübt. Und manche von denen, die heimkamen, spürten eine Schuld, über die zu spre­chen sehr sehr schwer war.

Wohin mit dem Erschrecken über die eigenen Irrtümer? Wo die falschen Ideale der eigenen Jugend begraben? Wie das Entsetzen über Erfahrenes und Zugefügtes zur Ruhe bringen?

Viele begannen zu glauben, die Nazidiktatur sei wie ein Verhängnis über Deutschland gekommen, wie ein dubioses unerklärliches Schicksal. Aber so war es nicht. 1932 war die Hitlerpartei in demo­kratischen Wahlen zur stärksten Fraktion geworden. Hitler wurde im Januar 1933 zum Reichskanz­ler ernannt und konnte sich auf eine Mehrheit von NSDAP und Deutsch Nationaler Volkspartei stützen. Er nutzte seine Kanzlerschaft, um die parlamentarische Opposition zu unterdrücken und demokratische Strukturen zu zerstören. Bei den „halbfreien“ Wahlen im März 1933 kam diese Koa­lition dann auf 52%. Das, was dann kam, war kein Verhängnis, sondern nahm seinen Anfang in Mehrheitsentscheidungen. Da gruselt es einen…

Da gruselt es einen, weil die Erwartungen, die diese vielen Wählerinnen und Wähler hatten, 1945 auch begraben werden mussten: Hitler hatte versprochen, Deutschland wieder groß zu machen. Jetzt war der Nationalstolz gekränkt, die Wirtschaftskraft am Boden, das Land zerstört, die Herren­menschen besiegt, das Rassendenken als mörderisch bloßgestellt, die Versprechungen entzaubert.

Was tun mit diesem Irrtum, der die gesamte Gesellschaft durchzogen hatte? “Wir sind in die Irre gegangen, als wir begannen, den Traum einer besonderen deutschen Sendung zu träumen, als ob am deutschen Wesen die Welt genesen könne.“ - formulierte 1947 der Bruderrat der Bekennenden Kirche. „Das Bündnis der Kirche mit den das Alte und Herkömmliche konservierenden Mächten hat sich schwer an uns gerächt.“

Aber hinterher ist man immer schlauer. Mir geht es heute nicht um Schuldzuweisungen. Mir geht es um die Verbiesterung, die solche Mehrheiten wachsen lässt. Verbiesterung. Der Wunsch nach Größe und Anerkennung, der angriffslustig macht und andere verteufelt. Die Irrtümer, die Men­schenverachtung auslösen. Der Stolz, der in Chauvinismus und Mord endet. 

Davor sind wir auch heute nicht sicher! Es ist schwer einen verlässlichen moralischen Kompass zu haben, wenn die Welt um einen herum im Umbruch ist. Erinnern Sie sich noch an das Evangelium, dass Andreas Rohlfs vorhin vorgelesen hat: Am Ende der Tage wird Christus sagen: „Kommt her! Euch hat mein Vater gesegnet. Nehmt Gottes neue Welt in Besitz, die er euch von allem Anfang an zugedacht hat. Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich bei euch aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir etwas anzuziehen gegeben; ich war krank und ihr habt mich versorgt; ich war im Gefängnis und ihr habt mich besucht.“ Dann werden die, die den Willen Gottes getan ha­ben, fragen: „Herr, wann sahen wir dich jemals hungrig und gaben dir zu essen? Oder durstig und gaben dir zu trinken? Wann kamst du als Fremder zu uns und wir nahmen dich auf, oder nackt und wir gaben dir etwas anzuziehen? Wann warst du krank oder im Gefängnis und wir besuchten dich?“ Dann wird Christus antworten: „Ich versichere euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder oder für eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan.“ 

Die, die Gottes Willen taten, haben es nicht einmal gemerkt. Sie hatten einen zuverlässigen morali­schen Kompass. Freundlichkeit, Mitmenschlichkeit. Mut, das Naheliegende, Menschenfreundliche, das Richtige zu tun.
Ob mehr moralischer Anstand, mehr unmittelbare Mitmenschlichkeit Krieg und Gewaltherrschaft hätten verhindern können? Ich weiß es nicht.

Aber wir denken heute auch an die, die sich wegen ihres Anstandsgefühls dem totalitären An­spruch verweigert haben. Da war zum Beispiel Theodor Olpp. Von 1905 bis 1935 stand er hier auf der Kanzel. Er hatte in seinem Konfirmandenunterricht den Hitlergruß verboten. Er wurde von der Gestapo abgeholt, war zwei Wochen in Haft und musste Levern verlassen. Der Weg vom Gemein­dehaus zu dem Platz, wo wir gleich stehen werden, ist nach ihm benannt.

Wir denken heute auch an die, die unter Gefahr anderen geholfen haben. Wir denken auch an die, die wegen ihres Gewissens Widerstand geleistet haben und das mit ihrem Leben bezahlen muss­ten.

Viel Zeit ist seitdem vergangen. Gute Zeiten und schwierige Zeiten. Und obwohl es uns heute ver­glichen mit den wilden Zeiten nach dem Krieg ausgesprochen gut geht, haben viel Angst um die Zu­kunft: Flüchtlingskrisen (die Folge von Krieg und Gewaltherrschaft in anderen Teilen der Welt sind). Coronakrise. Angst vor einer Weltwirtschaftskrise. Angst davor, manipuliert zu werden und sein Le­ben nicht mehr selbst in der Hand zu haben. Angst vor totaler Kontrolle. Das scheint ein guter Nährboden zu sein für neue Irrtümer.

Und weil es auch heute schwierig ist, Kurs zu halten, Frieden zu suchen, Andersdenkende und An­dersglaubende am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen, Schwächere zu unterstützen. – Weil das alles nach wie vor schwierig ist, ist es gut sich zu erinnern. Im Rückblick können wir die Irrtümer, die falschen Ideale, die falschen Befehle, die falschen Taten sehen. Sich daran zu erinnern, ist auch eine Art von Trauer. Wir erinnern sie, um sie hinter uns zu lassen. Deshalb gibt es Tage wie diesen. Ein Schlussstrich und einfach alles vergessen. - Das ist nicht möglich. Dann wirken die vergangenen Irrtümer und falschen Ideale unter der Decke weiter – und poppen plötzlich wieder auf in unserer Gegenwart – und wir sind erschrocken über so viel Irrationalität in unserer vernünftig geordneten Welt.

Deshalb war es mir wichtig, den Volkstrauertag 2020 nicht einfach vorüberziehen zu lassen. Des­halb haben viele mitgewirkt, dass dieser Gottesdienst und dieses Gedenken 75 Jahre nach Kriegs­ende heute so unter Coronabedingungen stattfinden kann.

Keiner, keine und keiner, soll mehr das Gesicht tief in die Kartoffeln drücken müssen, weil die Luft bleihaltig ist. Nirgendwo. – Und denken sie an das Evangelium von heute. Christus spricht: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder oder für eine meiner geringsten Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan.“ Gott sieht, wo wir ganz selbstverständlich für andere da sind. Gott sieht unseren Mut zur Menschlichkeit und er freut sich darüber! Amen!