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Volkstrauertag 2018

Predigt zum vorletzten Sonntag des Kirchenjahres (Volkstrauertag)
am 18. November 2018 in der Stiftskirche in Levern
über Offenbarung des Johannes 2, 8 – 11

„Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ - das ist der vorgeschlagene Predigttext für heute: Volkstrauertag 2018. 

Es geht um Treue. Treue ist ein wuchtiges Wort. Es hat eine wohltuende und eine gefährliche Seite. „Treu bis in den Tod.“ - das steht auf manchem Gedenkstein für die Toten der Kriege. Treue – das stand auf den Koppelschlössern derer, die in der Nazidiktatur besonders gewütet haben. Die Ideale, mit denen Menschen in den Krieg zogen hat dieser Krieg dann zu Asche verbrannt. Der Adressat der Treue war falsch. Diese Treue führte an das Ende der Menschlichkeit.

Nach dem Krieg meinten viele, das Wort könne man deshalb nicht mehr gebrauchen. Ähnlich wie andere Worte, in denen es um das Verhältnis des Einzelnen zu einer Gemeinschaft geht. Vaterland, Muttersprache, Heimat, Familie … Aber wenn uns die Worte fehlen, um das Verhältnis einzelner zu einer Gemeinschaft zu bestimmen, steht es schlecht um den Zusammenhalt. Es gibt viele Kräfte, die die Menschen auseinander drängen und vereinzeln. Demgegenüber muss Gemeinschaft gestaltet werden und Verantwortung füreinander gewollt und gestärkt werden. Deshalb kann man auf Treue nicht einfach verzichten. Deshalb bin ich bei diesem Predigttext geblieben – auch wenn er meine Gedanken oft ins Stottern gebracht hat.

Der Text steht in der Offenbarung des Johannes im 2. Kapitel:
8 Und dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: Das sagt der Erste und der Letzte, der tot war und ist lebendig geworden: 9 Ich kenne deine Bedrängnis und deine Armut – du bist aber reich – und die Lästerung von denen, die sagen, sie seien Juden, und sind's nicht, sondern sind die Versammlung des Satans. 10 Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.

Es ist Christus, der in der Vision des Johannes spricht. Und Christus weiß um die Lebenssituation der Menschen, an die Johannes schreibt. Sie sind im Konflikt mit der jüdischen Synagogengemeinde in Smyrna, dem heutigen Izmir. Es war ein schmerzhafter Trennungsprozess, in dem die Christengemeinde aus der Synagogengemeinde heraus selbständig wurde. Und wenn sie nicht mehr zur Synagoge gehörte, blies ihnen der Wind der Pax Romana scharf entgegen. Die Juden waren von der Verpflichtung zum Kaiserkult ausgenommen. Alle anderen mußten den Kaiser in Rom wie einen Gott verehren. Viele Passagen der Offenbarung des Johannes setzen sich mit verschlüsselten Bildern mit der Brutalität des Imperium Romanum auseinander. Die Perspektive, aus der Johannes schreibt, ist die Perspektive der frühen Christen, die durch das Imperium verfolgt werden und sich gleichzeitig in einem schwierigen Abnabelungsprozess von der jüdischen Gemeinde befanden. Die Treue zu Christus steht hier der geforderten Treue zum römischen Kaiser entgegen.

Gefährlich wird es, wenn das, was Johannes den frühen Christen in ihrer Bedrängnis schreibt, später von Mächtigen vereinnahmt wird. Gefährlich wird es, wenn Christustreue und Kaisertreue vermischt werden. Gefährlich wird es, wenn die Vorstellungen, mit denen sich die frühen Christen von der Synagogengemeinde abgenabelt haben, als Begründung für Hass und Verfolgung von Menschen jüdischen Glaubens herhalten müssen.

Was aus der Sicht der Bedrängten ein Trost ist, wird im Mund der Bedränger Verachtung.

Das Evangelium, das vorhin vorgelesen wurde, unterstreicht, wie wichtig es ist, diese Perspektive der Bedrängten beizubehalten: Christus spricht dort:  ich war durstig, aber ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; ich war fremd, aber ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt, aber ihr habt mir nichts anzuziehen gegeben; ich war krank und im Gefängnis, aber ihr habt euch nicht um mich gekümmert.‹ Dann werden auch sie ihn fragen: ›Herr, wann sahen wir dich jemals hungrig oder durstig, wann kamst du als Fremder, wann warst du nackt oder krank oder im Gefängnis – und wir hätten uns nicht um dich gekümmert?‹ Aber er wird ihnen antworten: ›Ich versichere euch: Was ihr an einem von meinen geringsten Brüdern oder an einer von meinen geringsten Schwestern zu tun versäumt habt, das habt ihr an mir versäumt.“

Den Zustand einer Gesellschaft erkennt man daran, wie es den Schwächsten geht. Der respektvolle Umgang mit denen, die Unterstützung und Hilfe brauchen, ist nicht nur eine persönliche Angelegenheit. Deshalb brauchen wir die Worte, die das Verhältnis des  oder der Einzelnen zur Gemeinschaft bestimmen: Treue,Liebe, Menschlichkeit – Heimat, Familie, Ehrenamt. Soziale Gerechtigkeit und gemeinschaftsbezogene Verantwortung gehören zusammen. Die Verantwortung, die Menschen aus freiem Entschluss füreinander übernehmen und die sie füreinander einstehen lässt, ist ein hohes Gut. Ein Gemeinwesen baut sich auf aus dem Zusammenwirken für ein gutes Zusammenleben – und nicht aus Abgrenzung und Ausgrenzung.

Gemeinschaftsvorstellungen, die Rassismus kultivieren, und Nationalstolz, der eigentlich aggressiver Imperialismus ist, führen in die Katastrophe. So war es 1914 und so war es 1933. „Die Schlafwandler“ hat der Historiker Christopher Clark eine Studie über den Beginn des ersten Weltkriegs überschrieben. Wie Schlafwandler gehen die europäischen Akteure gezielt in die Katastrophe. Der Krieg wird als Befreiung aus einer verfahrenen als erstickend empfundenen Situation begrüßt. 

Die Idee, dass es jetzt endlich vorwärts geht, findet bald in den Schützengräben ein Ende. Tausende starben in einem sinnlosen Stellungskrieg. Als dann 1918, vor hundert Jahren, der erste Weltkrieg zu Ende war, kamen die Schlafwandler traumatisiert zurück. Sie fanden sich in der neuen Zeit nur schwer zurecht. Der Kaiser hatte abgedankt. Deutschland war Republik. (Auch die Kirchen brauchten eine neue Verfassung – weil ihnen mit dem preußischen König ihr Bischof abhanden gekommen war.) Den Frieden von Versailles empfanden die, die nicht sehen wollten, dass in den Schützengräben auch ihre Ideale zerschossen wurden, als Schmach.

Die junge Republik nahm sich wenig Zeit zur Trauer. Der Alltag musste neu organisiert werden. Die erlebte Sinnlosigkeit des Tötens wurde weggewischt. Die Propaganda machte aus den Kriegstoten Helden. Die Stimmung wurde aggressiver. Wieder entstand das Gefühl und die Meinung, nur durch einen Krieg könnte es vorwärts gehen. Und dieser Krieg wurde noch mörderischer.

Und als dieser Krieg zu Ende war, fand die Trauer wieder nur schwer ihren Weg. Die Trauer über verlorene Kameraden und Familienangehörige war oft still und bitter – und sie machten viele mit sich selbst aus. Flucht und Vertreibung hatten tiefe Wunden hinterlassen. Um einen Weg zu gemeinsamer öffentlicher Trauer zu finden musste Verantwortung übernommen werden für die Beteiligung an einem verbrecherischen System, das Menschen industriell vernichtete, für Kriegsverbrechen im Angriffskrieg, für sinnlose Morde an Zivilisten im Partisanenkrieg, für moralisch entfesselte Gewalt. Viele, die dabei waren, haben sich ihr Leben lang damit geplagt, ihr Quantum Verantwortung zu bestimmen und zu tragen. Andere, die lieber alles verdrängen wollten und darüber nicht zur Trauer fanden, haben ihr Leben lang nicht mehr ruhig geschlafen. Einige, die ihre falschen Ideale nicht beerdigen wollten sind dann wieder laut geworden.

Und heute denken vielleicht manche: Das ist doch alles lange her. Lasst uns mit den alten Geschichten in Ruhe. Aber die Wunden, die die Kriege hinterlassen, heilen oft über Generationen nicht. An so einem Tag wie heute ist es gut, sich zu erinnern, um nach vorne schauen zu können. Zur Erinnerungskultur des heutigen Vokstrauertages gehört das Lied vom guten Kameraden. Es ist mir lange fremd geblieben. Zu sehr klang es mir nach Beschönigung und Verklärung des Heldentods. Nach dem was mein Opa aus den beiden Kriegen, in denen er war, erzählte – und vor allem wegen des sinnlosen Sterbens meiner Tante beim Einmarsch der alliierten Truppen im April 1945 – konnte ich nichts damit anfangen. Inzwischen geht das etwas besser. Und ich weiß, dass dieses vielen in aller Verbitterung, in aller erlebten Sinnlosigkeit, in aller emotionalen Leere einen Zugang zur eigenen Trauer ermöglicht hat. Zu einer Trauer, die sie wieder menschlicher hat werden lassen. Die Melodie werden wir gleich draußen bei der Gedenkfeier hören. Ludwig Uhland dichtete den Text 1809. Die zweite Strophe geht so: 

Eine Kugel kam geflogen,
Gilt’s mir oder gilt es dir?
Ihn hat es weggerissen,
Er liegt mir vor den Füßen,
Als wär’s ein Stück von mir.

Als wär’s ein Stück von mir. - 
„Achte auf deine Trauer,“ hat mir ein kluger Freund einmal gesagt - „sie zeigt dir, was dir wirklich wichtig ist in deinem Leben!“ - Im anderen ein Stück von sich selbst zu sehen, macht diesen anderen wichtig. Und das ist es, was viele Männer an Kameradschaft so schätzen: dass man selbst anderen wichtig ist.

Und die Trauer heute kann uns zeigen, welch eine große Bedeutung eine Gemeinschaft hat, in der man selbst den anderen wichtig ist. Und weil eine solche Gemeinschaft einem selbst Bedeutung schenkt, lohnt es sich Verantwortung füreinander zu übernehmen. In der Familie, im Verein, in der Feuerwehr, in der Kirchengemeinde, durch bürgerschaftliches Engagement …

Christus spricht: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“ 
So hatte ich angefangen. Christus die Treue zu halten bewahrt uns davor, in unserem Engagement füreinander falschen Idealen zu folgen. Und die Perspektive Christi bewahrt uns davor, dass wir eine geschlossene Gesellschaft werden. Die Perspektive Christi sorgt dafür, dass wir auch die sehen, die hungrig oder durstig sind, die als Fremde kommen, die nackt oder krank oder gefangen sind. In dieser Perspektive sehen wir im anderen nicht nur ein Stück von uns selbst sondern sind auch offen für die Begegnung mit Christus.

Amen