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Predigt zum Abschied aus dem aktiven Dienst
am 12. Dezember 2014 in Haus Villigst, Schwerte
über Galater 5, 1

Liebe Gemeinde,
"Zur Freiheit hat uns Christus befreit! So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!“ Schon in meiner ersten Bibel aus meinen Zeiten in der Jugendarbeit war dieser Satz fett angestrichen. Etwas anders übersetzt: „Zur Freiheit hat euch Christus befreit! - lasst euch nicht wieder in das knechtische Joch fangen.“ Das ist zwar altertümliche Sprache. Aber das „knechtische Joch“ gab mir damals wie heute mehr Raum für die Phantasie, was damit wohl gemeint sein könnte. Knechtisches kann auch in solchen Lebensbezügen stecken, die auf den ersten Blick nicht nach Knechtschaft aussehen.

Als Jugendliche in den Ausläufern der 68er Jahre kam uns vieles knechtisch vor. Und die erweckte Frömmigkeit in Minden – Ravensberg hatte beides: den Geist der Freiheit. Der wurzelte in einer persönlichen Christusbeziehung: „Dich hat Christus zur Freiheit befreit!“ - und es gab auch Knechtisches in den verstaubten Regeln was man darf und was nicht. 

Die versprochene Freiheit war das, was mich faszinierte und bewegte. Dass Freiheit mehr ist als eine gerade dem Zeitgeist entsprechende spätpubertierende Rebellion gegen den Moralismus der Älteren, das wurde mir in einem anderen Zusammenhang klar. Von den frommen Jungs in meinem Ausbildungsjahrgang – ich machte Anfang der 70er eine Lehre als Mechaniker – waren einige so ziemlich gleichzeitig in den CVJM und in die IG Metall eingetreten. Dort habe ich zum ersten Mal einen Film über das Leben von Willi Bleicher gesehen. Er war einer, der in den verbrecherischen und wilden Jahren des Faschismus und der Nachkriegszeit einen geraden Weg der Solidarität zu gehen versuchte. Allerdings hatte dieser Weg doch einige scharfe Kurven und er hat viel einstecken müssen. - Einzelheiten lassen sich mit einer üblichen Suchmaschine finden. Der Film über Willi Bleicher hatte einen bemerkenswerten Titel: „Du sollst dich nie vor einem lebenden Menschen bücken!“ Dieser Satz gehört seit jener Zeit genauso zu meinem Leben, wie der Freiheitsappell des Paulus. Für mich interpretieren sich die Sätze gegenseitig. Gott die Ehre geben zu wollen macht sensibel für menschliche Anmaßungen. Nur vor Gott die Knie beugen zu wollen macht aufmerksam für manchen knechtischen Geist. So gehören die Sätze für mich zusammen: Zur Freiheit hat Dich Christus befreit! Du sollst Dich nie vor einem lebenden Menschen bücken!

Mit einer solchen Maxime bleibt das Leben spannend – das private und das berufliche. Manchmal eckt man an. Aber viele beginnen, einen zu respektieren. Und - so ging es mir jedenfalls – man findet Freundinnen und Freunde, die mit unterwegs sind mit dem anspruchsvollen Projekt das da heißt: „Den aufrechten Gang nicht verlernen!“ - Menschen, die mich begleitet und unterstützt haben – viele davon sind hier. Menschen, mit denen man gemeinsam über die Risiken der Freiheit nachdenken konnte und kann.

Denn dieses Projekt „Den aufrechten Gang nicht verlieren!“ beinhaltet viele Herausforderungen.

Auf dem Weg in die Freiheit stellt sich bald die Erinnerung an die Fleischtöpfe Ägyptens ein: An die Zeit „... als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu essen. Ihr habt uns hinaus geführt in die Wüste.“ (2. Buch Mose 16, 3) Der Weg in die Freiheit war für Israel ein Weg durch die Wüste. Und das ist für viele Menschen heute noch so. Bemerkenswert ist die rückwärtsgewandte Sehnsucht. Die Sehnsucht nach geordneten Verhältnissen. Verhältnisse, in denen Gehorsam und Fürsorge sich gegenseitig bedingen. Und das ist doch der Kern patriarchaler Herrschaft, das ist doch die Magie, die soziale Gefüge auch heute noch zusammen hält: das stille Einvernehmen aus Gehorsamserwartung bei den Mächtigen und Fürsorgeerwartung bei den Abhängigen. (Was das für das Thema Gender bedeutet, entfalte ich heute mal nicht.)

Bei vielen Menschen, mit denen ich in betrieblichen Veränderungsprozessen gesprochen habe, habe ich diese Sehnsucht gespürt. Diese Sehnsucht nach dem „großen Anderen“, der sich kümmert, der die Unordnung wieder in Ordnung bringt, das Geschehen um einen herum wieder emotional leserlich macht. Und häufig kam es mir vor, als stecke in dem Ruf nach mehr Wertschätzung, den wir unter uns gelegentlich hören, dieser heimliche Wunsch, den Zusammenhang zwischen Gehorsam und Fürsorge wieder herzustellen. Respektvoller Umgang miteinander ist Wertschätzung. Aber wenn die Selbstachtung angeschlagen ist, funktioniert das nicht mehr. Und erfahrene aber auch geglaubte Ohnmacht ist das Ende der Freiheit.

Damit komme ich zu einem zweiten Risiko des aufrechten Gangs. Man ist ja nicht immer nur mit netten Menschen unterwegs. Auch wenn ich es manchmal nicht wahr haben wollte – es gibt Menschen, die einem Böses wollen. Menschen, die Lust dabei empfinden andere bloßzustellen und zu beschämen. Menschen, die keine Gelegenheit auslassen, ihre Macht zu demonstrieren. Menschen, die Freiheitsreden halten – die aber nicht die Sklaverei abschaffen wollen. Ihr größtes Glück ist es vielmehr, Sklavenaufseher zu werden.

Solche Menschen machen anderen das Leben schwer. Sicher habe ich mir auch manchmal ausgemalt, wie schön einfach es wäre: Alle hören auf mein Kommando! Alle tanzen nach meiner Pfeife! Wo ich bin, da ist vorne! Soll aber die Freiheit nicht dabei drauf gehen, gilt der Satz aber auch umgekehrt: Du sollst keinen Menschen nötigen, sich vor dir zu bücken! Den aufrechten Gang nicht aufzugeben und gleichzeitig „professionell“ mit Hierarchien umzugehen, war für mich sicher eines der schwersten Lehrstücke. Und das bleibt es in der „dünnen Luft der Hierarchien“. 

Hierarchien haben einen funktionalen Sinn in Organisationen. Sie tragen dazu bei, effektiv Ziele zu erreichen. Sie helfen sich zu orientieren, Entscheidungswege transparent zu machen und Verantwortung klar zuzuschreiben. Hierarchien machen Sinn. Aber wie werden Beteiligung und Mitbestimmung richtig organisiert? Wie dezentral kann Verantwortung verteilt werden, ohne dass es unübersichtlich wird? Wie sieht das mit Hierarchien in Netzwerkorganisationen aus? Wie kriegt man es hin, dass Hierarchien nicht zum Spielfeld für Menschen mit knechtischem Geist werden, für solche, die mit dem einzigen Ziel unterwegs sind, möglichst viele „unter sich“ zu haben? Das bleibt eine Baustelle in allen Organisationen. Da haben wir viel zu tun, auch in unserer Kirche, die den Anspruch hat, Kirche der Freiheit zu sein.

Eine gute Chance haben wir ja. Unsere Evangelische Kirche ist Ehrenamtskirche. Und es gehört zum Wesen des Ehrenamts, dass es freiwillig ist. Das fällt immer mehr Menschen auf. Es fällt vor allem deswegen auf, weil patriarchale Bindungsmuster immer weniger funktionieren. Männer haben – so eine Studie – eine ausgeprägte Allergie gegen klerikale Bevormundung. (Aber Frauen – insbesondere die, die berufstätig sind, ziehen da zügig nach.) Das mit der Freiwilligkeit des Ehrenamtes fällt auf, weil es Zusehens schwerer wird, neue Leute für alte Aufgaben zu finden. Ehrenamtliche brauchen nicht mehr Betreuung durch Hauptamtliche sondern Menschen, die Beteiligung organisieren. Die, die sich engagieren wollen, wollen mitgestalten. Wir haben alle Bausteine da, um in unserer Kirche dieser Seite der Freiheit Rechnung zu tragen. Das Priestertum aller Getauften. Die Idee, dass verschiedene Ämter keine Herrschaft begründen sondern Ausdrucke eines gemeinsamen, der gesamten Gemeinde aufgetragenen Dienstes sind. Wir haben die Vorstellung von einer Dienstgemeinschaft von Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen mit einer gemeinsamen Organisationskultur. Wir haben eine presbyterial-synodale Ordnung. Es gilt ernst zu machen mit dem Gedanken, dass die, die sich bei uns engagieren, dieses freiwillig tun. Und sie werden es auch in Zukunft tun, wenn Sie den Geist der Freiheit in unserer Kirche spüren. Denn „Wo der Geist Christi ist, da ist Freiheit!“ (2 Kor. 3, 17).

Eine schöne Parole für die Gestaltung unserer Kirche. Und doch auch ein gefährlicher Satz. Er ist tief verwurzelt in dem Konflikt, den es in der frühen Gemeinde zwischen Christinnen und Christen jüdischer Herkunft und solchen griechischer Herkunft gab. Wie unser Predigttext auch. Die Freiheit, die Paulus im Blick hat, ist die Freiheit von jüdischen Speisevorschriften und von der Pflicht, sich beschneiden zu lassen. Dieser Konflikt war heftig, die Polemik stechend. Und auch wenn dieser Konflikt mit der Zeit an Bedeutung verlor – die Polemik blieb. Aus der innerchristlichen Kontroverse wurde eine Polemik gegen die Juden und das Judentum – mit den fatalen Folgen, die wir kennen.

Das ärgste Risiko der Freiheit und die ärgste Gefährdung des aufrechten Gangs ist es, wenn die Freiheit meint sich ihrer selbst durch vernichtende Polemik gegen Andersdenkende und Andersglaubende vergewissern zu müssen. Diese Gefahr steckt der Idee der Freiheit in den Genen.

Wir sind in unseren Gemeinden an dieser Stelle gefährdet. „Wir werden weniger und älter“ - ist ein verbreitetes Lebensgefühl. Es gibt Ängste vor Fremden. Es gibt Debatten und um die Frage, wie Muslime ihren Glauben in einer demokratischen Gesellschaft öffentlich leben können, sollten, müssten … 

Es gibt unter uns die Sehnsucht nach einer innerlich starken und von außen klar erkennbaren christlichen Identität. Aber so etwas lässt sich nicht herstellen durch Polemik gegen andere. Die Frage, wie sich die weltanschauliche Neutralität des Staates respektieren lässt und wie sich gleichzeitig Kirchen und Religionsgemeinschaften in die öffentliche Debatte um die Zukunft der Gesellschaft und angemessene Regeln ihrer Gestaltung einbringen können – das ist eine Zukunftsfrage unserer Gesellschaft. Der dazu nötige interreligiöse Dialog ist eben nicht nur ein Gespräch über unterschiedliche Glaubensauffassungen – sondern es muss dabei auch um die Frage der angemessenen öffentlichen Rolle von Religion gehen. Dass die Beteiligung unterschiedlicher Religionen am öffentlichen Leben möglich ist, ist eben auch ein Indikator für das Maß der Freiheit in einer Gesellschaft.

Es gibt immer noch Menschen, die einem erklären wollen, das Christentum sei die Religion der Freiheit und das Judentum eine Religion des Gesetzes. Da Gesetzlichkeit, hier Liebe. Dabei ist die zentrale Erzählung der hebräischen Bibel eine Befreiungserzählung. Und dass die Liebe die Erfüllung des Gesetzes ist, steht auch schon im „Alten Testament“.

Zur Freiheit hat Dich Christus befreit! Du sollst dich nie vor einem lebenden Menschen bücken! Zu diesen beiden Sätzen gehört deshalb in meinem Leben noch ein dritter: Micha 6, 8.

„Gott hat Dir gesagt Mensch, was gut ist und was Adonai von dir fordert: Nichts anderes als Recht tun, Güte lieben und besonnen mitgehen mit deinem Gott.“

Oder – nach all der Freiheitsrhetorik – gerne auch in der Übersetzung, mit der ich angefangen hatte:

„Gottes Wort halten, Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott!“

Amen